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 Betreff des Beitrags: Wege der Dunkelheit
BeitragVerfasst: 11. April 2006, 22:29 
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‚Er hat mich geschlagen. Wieder hat er mich geschlagen. Wie schon so oft. Warum nur hat Mutter ihn ins Haus geholt? Ich hasse ihn so sehr!’
Die Beine dicht an sich herangezogen und mit ihren dünnen Armen umschlungen, sitzt das junge Mädchen auf der Pritsche seiner spärlich eingerichteten Kammer. Tränen rinnen über das Gesicht und benetzen die durch die Schläge brennenden Wangen.
Plötzlich durchfährt die 15jährige der Gedanke, den sie in den letzten Tagen schon so oft hatte, wischt ihre Tränen fort und springt von der Pritsche, um diesen jetzt in die Tat umzusetzen. Eilig läuft sie zu der löchrigen Kommode in der einen Ecke der Kammer und zieht dort eine Lade heraus. Ihre dünnen Finger durchwühlen die Kleidungsstücke die sich darin befinden, dann zieht sie ein graues dichtes Tuch hervor, nimmt noch zwei Gewänder heraus und trägt sie zur Pritsche. Dort faltet sie das Tuch auseinander und legt die Kleidung darauf. Ihr langes schwarzes Haar zu einem Zopf bindend blickt sie dann zu dem kleinen Schränkchen neben ihrer Lagerstatt. Dort steht ein Teller auf dem sich ein Stück Brot und ein Apfel befinden. Ihre Mutter hatte ihn dort abgestellt und dabei lallend versichert, dass ER sie nie wieder anfassen wird, dafür würde sie sorgen.
‚Das hast du schon so oft versprochen. Genauso wie du nichts mehr trinken wolltest.’, denkt das Mädchen, nimmt die Speisen vom Teller und legt sie mit auf das Tuch, das es dann fest verschnürt. Mit dem leichten Bündel in der Hand läuft es zum Fenster, öffnet es und blickt hinaus. Da sich die Kammer ebenerdig befindet, ist es ein leichtes hinaus zu kommen und auf die Straße zu gelangen. Ohne länger zu zögern, klettert das Mädchen rasch durch das Fenster hinaus und schaut von draußen noch einmal in seine Kammer hinein. Einen kurzen Augenblick bleibt es noch stumm dort stehen, dann wischt es eine Träne fort und läuft in die Dunkelheit der Nacht hinein...

***

Meridian, Nosgoths Haupstadt, war Anziehungspunkt für jung und alt, arm und reich. Ob Bauer, Händler oder Bettler - die prunkvolle Innenstadt war stets mit diesen Leuten angefüllt. Insbesondere an Markttagen, an denen es sich auch die Reichen nicht nehmen ließen, kaum bewacht von ihren Dienern oder einer Leibgarde, zwischen den einzelnen Ständen zu schlendern und hier und da, dass eine oder andere zu begutachten und vielleicht auch zu kaufen.
Das junge Mädchen, das verborgen in einer der zum Markplatz führenden Seitengassen stand, liebte diese Tage. An solchen war es um vieles einfacher genügend Taler zu erbeuten, um damit für einige Zeit über die Runden zu kommen. Sein Augenmerk war in diesem Moment auf eine kräftige vollbusige Frau gerichtet, die an ihm vorbeischlenderte und links an ihrem Gürtel einen kleinen ledernen Beutel trug, der regelrecht danach schrie von dort loszukommen. Der Diener, welcher der Frau folgte war so sehr mit der nicht gerade geringen Anzahl von Einkäufen seiner Herrin beschäftigt, dass er kaum mitbekam was um ihn herum alles geschah.
Gerade war das Mädchen im Begriff, sich aus seinem Versteck zu lösen und dem Pärchen zu folgen, als ihm ein junger Mann auffiel, welcher der beleibten Dame entgegen kam. Sein dunkler sauberer Ausgehrock und die glänzenden schwarzen Lackstiefel, die er trug, ließen den Schluß zu, dass er gleichfalls der höheren Gesellschaft angehörte. Verlockend für die junge Diebin war jedoch sein Spazierstock, von dessen Knauf aus ein Funkeln ausging, das nur an dort eingefassten Edelsteinen liegen konnte. Sie überlegte kurz, das es ihr wohl viel mehr bringen würde, wenn sie des Stockes habhaften werden könnte, anstelle des Beutelinhalts der Dame, als sie stutzte. Der Beutel! Er war verschwunden! Noch einmal blickte sie genau hin, während das Paar sich immer weiter von ihr entfernte, in der Annahme sich verschaut zu haben, doch der Beutel war tatsächlich nicht mehr da. Der fremde Mann lief jetzt an ihrem Versteck vorbei und da sah sie es. Sah, wie dieser den Beutel mit einem Grinsen auf seinem Gesicht im Inneren seines Ausgehrocks verstaute. Das war kein Edelmann! Dieser Mann war ein Dieb, so wie sie! Und er hatte es sich erdreistet, sich ihre Beute anzueignen.

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 Betreff des Beitrags: Wege der Dunkelheit
BeitragVerfasst: 11. April 2006, 22:30 
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‚Na warte!’, dachte sie und heftete sie sich ihm an die Fersen. Es waren ihre Taler und die wollte sie wiederhaben.
Sie verfolgte ihn durch die Menschenmenge, immer darauf bedacht ihn nicht aus den Augen zu verlieren oder gar von ihm bemerkt zu werden. Irgendwann blieb er stehen, schien über etwas nachzudenken und schaute sich um. Ihr schien es, als ob er jemanden suchte. Jetzt nahm sie die Gelegenheit wahr und näherte sich ihm. Vorsichtig und unauffällig, so wie es ihr Stiefvater ihr Tag für Tag unter Schlägen eingebläut hatte. Schläge, die sie auch später noch einstecken musste, wenn ein Beutezug misslungen war, oder er einfach nur schlecht Laune hatte. Schläge, die ein Grund gewesen waren, dass sie von ihrem zu Hause im Schmugglerviertel geflüchtet war und nun in der Innenstadt lebte. Auch wenn sie ihren Stiefvater hasste, so war sie ihm doch dankbar dafür, dass er sie einst das Diebeshandwerk lehrte, denn nur so war es ihr bisher möglich gewesen in dieser großen Stadt zu leben und vor allen Dingen zu überleben.
Während ihre rechte Hand jetzt flink unter die Kleidung des Mannes glitt, um nach dem Beutel zu tasten, fiel ihr jäh eine der wichtigsten Regeln der Zunft ein. Die Regel, die besagte, niemals einen anderen Dieb zu bestehlen. Aber war es nicht dieser Mann gewesen, der sie bestohlen hatte? Sie beanspruchte nur ihr Eigentum.
’Gleich hab ich dich.’, dachte sie und fuhr im selben Augenblick mit einem leisen Aufschrei zusammen, als sie fest am Handgelenk gepackt wurde.
„Was glaubst du, wer du bist?“, fuhr der Blondhaarige sie an und sein Griff verstärkte sich. Entsetzt starrte sie ihm in die blauen Augen und brachte keinen Ton heraus.
„Was ist? Hat es dir etwa die Sprache verschlagen?“, zischte er und da sie immer noch nicht reagierte, wies er mit einem leichten Kopfnicken nach rechts „Ist es dir lieber, wenn ich die beiden Serafan herbeirufe, die dort hinten am Tor Wache stehen, damit du endlich antwortest?“
Ängstlich blickte die kleine Diebin zwischen den Leuten hindurch in die hingewiesene Richtung und erspähte auf diese Weise die zwei Wachmänner, die von dem kleinen Zwischenfall in ihrer Nähe noch nichts bemerkt hatten. Aber irgendwann würde ihnen auffallen, das etwas mit dem Mädchen in seiner zerschlissenen Kleidung und dem gut gekleideten Mann nicht stimmte, oder jemand anderes machte sie vielleicht darauf aufmerksam, und sie begann sich vor dem zu fürchten, was sie danach erwarten würde. Entweder wurde sie zur Serafanfestung gebracht und dort im tiefsten Kerker eingesperrt, ohne jemals wieder das Tageslicht zu erblicken, oder aber, sie schlugen ihr auf offener Straße die rechte Hand ab, so wie üblicherweise mit Dieben verfahren wurde, wenn man sie auf frischer Tat ertappte.
„Nein. Bitte. Keine Serafan.“, schluchzte das Mädchen und blickte den Fremden wieder an, „Bitte nicht.“
„Na also, geht doch.“, lachte der Mann auf und lockerte seinen Griff, „Und gerade hatte ich überlegt, ob du nicht vielleicht stumm bist.“
„Bin ich aber nicht.“, wisperte die Kleine.
„Bist du alleine hier?“, fragte der Mann jetzt, „Oder ist dein Aufpasser in der Nähe und beobachtet dich, um dir nachher mit ein paar Backpfeifen klar zu machen, das du nicht gut genug warst? Wobei ich ehrlich zugeben muß, eine Sekunde später und du wärst mir glatt entwischt.“
Seine letzten Worte ließen ihre Wangen erröten, dann schüttelte sie den Kopf und erwiderte: „Nein, es ist niemand hier. Ich bin ganz allein.“
„Wie ganz allein? Gibt es etwa niemanden, der sich um dich kümmert, oder gar sich um dich sorgt?“
Wieder schüttelte sie den Kopf: „Nein, gar niemand. Ich lebe alleine hier in Meridian. Ein dunkles enges Kellerloch in einer der Seitengassen ist mein zu Hause, und das seit zwei Jahren.“

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 Betreff des Beitrags: Wege der Dunkelheit
BeitragVerfasst: 11. April 2006, 22:31 
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Der Mann blickte sich nach ihren Worten kurz um, ließ sie dann los und legte ihr seinen Arm um die Schultern: „Sag mal Kleines, was würdest du davon zu halten, mit mir zu kommen? Bei mir zu Hause würden dich ein warmes Bad, gutes Essen und ein gemütliches Zimmer mit einem großen Bett erwarten. Hm?“
Verdutzt blickte das Mädchen ihn an und entgegnete dann aufgebracht: „Aber ich kenne dich doch gar nicht. Ich kann doch nicht einfach…“
„Bei mir bist du besser aufgehoben, als weiterhin hier auf der Straße.“, unterbrach er sie, „Und wer weiß, das nächste Mal hast du vielleicht nicht so viel Glück, auf jemanden wie mich zu treffen. Also, kommst du mit?“
Die kleine Diebin blickte zu Boden und dachte über seine Worte nach, dann schaute sie ihn wieder an und nickte.
„Fein.“, meinte er lächelnd, schob sie vor sich her in die Richtung aus der sie beide zuvor gekommen waren und fügte noch hinzu: „Ich bin übrigens Drajak und im südlichen Bezirk, zu dem auch der Marktplatz gehört, derjenige, der was zu sagen hat. Wenn du verstehst, was ich damit meine.“
„Ja, ich verstehe.“, nickte sie und lief jetzt neben ihm her.
„Und, wie ist dein Name?“, wollte er jetzt wissen.
Still blickte sie ihn an und überlegte, ob es richtig war ihren Namen preiszugeben. Ihr Name, den sie in den letzten Jahren nur mehr gehört hatte, wenn es ihrer Mutter nach Wein verlangte, oder ihr Stiefvater ihr Prügel angedroht und diese auch vollzogen hatte. Aber Drajak war weder ihre Mutter, noch ihr Stiefvater und er würde auch nie wie die beiden werden, dessen war sie sich absolut sicher. Und mit einem Lächeln auf ihren zarten Lippen, das nach all den Jahren voller Schläge und Lieblosigkeit wieder ihre grün leuchtenden Augen erreichte, antwortete sie ihm: „Umah. Mein Name ist Umah.“

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BeitragVerfasst: 12. April 2006, 17:52 
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Du bist zur Zeit fleißiger als ich beim schreiben [25]
Das liest sich echt Super
Wann gehts hier weiter? [24]

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 Betreff des Beitrags: Wege der Dunkelheit
BeitragVerfasst: 14. April 2006, 03:46 
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Danke Turi [23] Und ich komm ja schon [15]

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‚Wie schnell doch ein Jahr vergehen kann.’, dachte Umah, während sie vor dem vergoldeten Spiegel ihrer Kommode stand und ihr langes schwarzes Haar bürstete. Ein Jahr, seit Drajak sie bei sich aufgenommen hatte und ihr ein Leben bot, von dem sie damals nur hatte träumen können. Und sie liebte dieses Leben. Keine Schläge mehr, kein böses Wort und jeden Tag frische Kleidung und gutes Essen, ohne sich Gedanken darüber machen zu müssen, wie es am nächsten Tag weitergehen sollte. Ein Klopfen an ihrer Zimmertür unterbrach sie in ihren Gedanken und mit einem „Herein!“ wandte sie sich dieser zu.
„Hallo Umah.“, eine junge blonde Frau, nicht viel älter als Umah, trat ein und kam mit einem Lächeln auf sie zu, „Ich bin Rajah.“
„Ich kenne dich.“, entgegnete Umah, „Du gehörst zu den Frauen im Haus, mit denen zu sprechen mir Drajak damals verboten hat. Wenn er erfährt das…“
„Keine Sorge,“ unterbrach Rajah sie, „ab heute dürfen wir uns miteinander unterhalten.“
„Ich verstehe nicht, Rajah.“, verwirrt blickte Umah sie an.
„Das wirst du noch.“, versprach Rajah und hielt ihr ein kleines silbernes Etui entgegen, „Hier, nimm das, du wirst es brauchen.“
Zögernd nahm Umah das Etui entgegen und öffnete es. In ihm drin befanden sich kleine blaue Kügelchen, die ihr nichts sagten und fragend blickte sie Rajah an. Diese nahm Umahs rechte Hand, die den Deckel des Etuis hielt, zwischen ihre, verschloss so den Behälter wieder und erklärte leise: „Nimm heute Abend eine davon, dann wird alles leichter.“
„Was wird leichter?“, wollte Umah wissen und war jetzt noch verwirrter als zuvor.
„Wenn Drajak nachher kommt, wird sich dir alles erklären und du wirst erkennen, wer er wirklich ist und warum wir alle hier sind.“, sagte Rajah und wand sich zum Gehen um.
„Warum muß ich dafür auf Drajak warten? Erklär du es mir doch. Bitte.“
„Nein, das kann ich nicht.“, erwiderte Rajah und ging auf die Tür zu.
„Warum nicht?“
„Weil er mir das untersagt hat.“, beantwortete Rajah Umahs Frage und verließ das Zimmer.
Sichtlich durcheinander starrte Umah noch einige Augenblicke zur Tür, durch die die Blondhaarige verschwunden war und blickte dann wieder auf das silberne Behältnis in ihrer Hand. Noch einmal öffnete sie es und nahm dann eines der Kügelchen heraus, das sie anschließend dicht vor ihre Augen hielt. Vorsichtig rollte sie es zwischen Daumen- und Zeigefinger hin und her, und fragte sich dabei, warum sie eines davon nehmen und was es erleichtern sollte. Aber, um eine Antwort auf ihre Fragen zu bekommen, musste sie wohl oder übel auf Drajak warten und seufzend tat sie das Kügelchen zurück, verschloss das Etui und steckte es in eine der Taschen ihres Gewandes. Anschließend, die seltsame Begegnung mit Rajah aus ihren Gedanken drängend, wand sich Umah wieder dem Spiegel ihrer Kommode zu, griff nach ihrer Haarbürste und setzte das Kämmen ihres Haares fort. Dabei summte sie ein altes Lied aus Kindertagen und erinnerte sich daran, wie ihre Mutter es ihr damals immer vorgesungen hatte, um sie in den Schlaf zu wiegen. Damals als Umahs leiblicher Vater noch gelebt hatte und sie eine glückliche Familie gewesen waren. Eines Nachts kam er von seiner Arbeit im Hafenviertel nicht nach Hause. Dafür waren andere Männer da, die ihrer Mutter von einem schrecklichen Unfall berichteten und ihr ihre Hilfe anboten, wenn sie sie benötigte. Mit ihren sechs Jahren wusste Umah bereits was das hieß. Ihr Vater war tot und sie würde ihn nie wieder sehen. Ihre Mutter fing zu dieser Zeit das Trinken an und zwei Jahre später zog Herald zu ihnen ins Haus. Herald, der ihr das Stehlen beibrachte, sie und ihre Mutter demütige und schlug. Herald, ihr Stiefvater, wegen dem sie sieben Jahre später in einer kalten Herbstnacht von zu Hause ausgerissen war und zwei Jahre auf der Straße leben musste, ohne zu wissen, was der nächste Tag bringen würde.

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BeitragVerfasst: 14. April 2006, 03:49 
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Jäh hielt Umah mit dem Kämmen inne, legte die Bürste bei Seite und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht, die ihr ihre Erinnerungen beschert hatten. Dann trat sie an das Fenster rechts von ihr, blickte auf die Straße hinaus und dachte an Drajak. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht, als sie an jenen Tag zurückdachte, an dem sie ihm begegnet und in sein Haus gefolgt war. Und sie erinnerte sich daran, wie sie eine schreckliche Angst befiel, als sie über die Schwelle des Hauses trat, da sie plötzlich zu wissen glaubte, dass er sie nur in sein Haus gelockt hatte, um sie besser festhalten und dann für ausreichend Taler an die Serafan ausliefern zu können. Er aber hatte ihr ihre Angst angesehen, sie zärtlich in seine Arme genommen - eine Geste, die sie so viele Jahre entbehrt hatte - und beruhigend auf sie eingesprochen, dass sie bei ihm vollkommen sicher sei und ihm vertrauen könne. Aber es hatte keiner Worte bedurft, denn in diesem Moment hatte allein schon seine liebevolle Umarmung ausgereicht, dass sie ihm vollends ihr Vertrauen schenkte und beschloss, für immer bei ihm zu bleiben. Nachdem sie ihm ihren Entschluss mitgeteilt hatte, bat er sie eindringlich darum einige Regeln zu beachten, die zu ihrem eigenen Schutz dienten, und sie versprach ihm, sich daran zu halten. Das sie nie ohne ihn das Haus verlassen oder an die Tür gehen durfte, wenn dort die Glocke geläutet wurde, war eine davon und leicht einzuhalten. Aber die Regel, nicht mit den jungen Frauen, die sich ebenfalls im Haus aufhielten, reden zu dürfen, fand sie recht schwierig und war oft nahe dran sie zu brechen. Doch auch diese Frauen hatten sich an Regeln zu halten, und bevor Umah bei einem Aufeinandertreffen mit ihnen auch nur ein Wort sagen konnte, legten diese ihre Finger auf die Lippen, und geboten ihr auf diese Weise zu schweigen.
‚Bis heute.’ durchfuhr es sie und tastete nach dem Etui. Im selben Augenblick erklang ein rhythmisches Klopfen an ihrer Tür und sie schrak kurz zusammen. Doch gleich darauf entspannte sie sich wieder, denn sie kannte nur einen, der so anzuklopfen pflegte und wandte sich lächelnd um. Noch einmal klopfte es und freudestrahlend rief sie: „Bitte, Drajak, komm herein!“
Die Tür wurde aufgezogen und der Genannte betrat das Zimmer. Freudig lief Umah auf ihn zu, um ihn, wie sie es immer tat, mit einer Umarmung zu begrüßen. Doch jäh blieb sie stehen und blickte überrascht an ihm vorbei zur Tür, in der ein Mann stand, den sie nicht kannte. Er war größer und kräftiger gebaut als Drajak und musterte sie mit einem schmierigen Grinsen.
„Wer ist das?“, raunte sie Drajak zu.
„Ein Freund.“, erwiderte dieser trocken, drehte sich um und ging zu ihm. Verwirrt beobachtete Umah, wie er dem ihr Fremden etwas zuflüsterte, ihn dann ein Stück nach draußen schob und die Tür wieder schloss. Dann blickte er sie wieder an und schritt langsam auf sie zu.
„Umah, ich habe jetzt etwas Wichtiges mit dir zu besprechen.“, sagte er dabei und in seiner Stimme lag eine Kälte, die sie noch nie zuvor bemerkt hatte und sie schaudern ließ.
„Drajak, was…?“, hob sie an und hielt entsetzt inne, als sie den Dolch in seiner rechten Hand erblickte, der vorhin noch nicht da war. Drajak selbst schaute Umah weiterhin an, drehte spielerisch seine Hand und erklärte eisig: „Ich habe etwas mit dir zu besprechen, nicht du mit mir. Das heißt, ich rede jetzt und du wirst mir ganz genau zuhören. Hinterher darfst du gerne etwas dazu sagen. Aber“, er hielt kurz inne, hob seine Hand mit dem Dolch darin an, und fuhr drohend fort, „vorweg sei gewarnt - ich dulde keine Widerrede.“

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 Betreff des Beitrags: Wege der Dunkelheit
BeitragVerfasst: 14. April 2006, 20:18 
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„War Rajah schon hier?“
Umah nickte auf diese Frage, während Drajak sie zu ihrem Bett schob und dann durch eine Handbewegung klar machte, das sie sich setzen sollte.
„Hat sie dir etwas gegeben?“, fragte er weiter und wieder nickte die junge Frau.
„Zeig her!“
Mit zitternden Fingern und nicht den Mut ihn, den sie bisher ihren Wohltäter, ihren Freund genannt hatte, anzuschauen, holte sie das silberne Etui aus ihrer Tasche und streckte es ihm entgegen.
„Öffne es!“, befahl er ihr und sie tat es sofort.
„Braves Mädchen.“, grinste er, „Und jetzt nimm eine davon.“
„Aber...“, überrascht blickte sie ihn an.
„Aber was?“, fragte er unwirsch.
„Rajah hatte gesagt, heute Abend und“, sie schaute verängstigt zum Fenster, „es ist doch noch nicht…“
„Rajah hat gar nichts zu sagen!“, rief er ärgerlich, packte Umah barsch am Kinn und drehte ihren Kopf zu sich, „Wenn ich dir sage, du nimmst eine, dann tust du das auch. Sofort!“
Er ließ sie wieder los und beobachtete dann, wie sie tat was er von ihr verlangte.
„Na geht doch.“, sagte er dann und sein Ton klang wieder überaus freundlich. Er setzte sich neben sie und strich ihr übers Haar. Umah zuckte bei dieser Berührung leicht zusammen, während sie spürte, wie das gerade geschluckte Kügelchen langsam ihren Hals hinunterrutschte und blickte Drajak zaghaft an.
„Du bist kein Kind mehr Umah“, lächelte er, „sondern seit einiger Zeit schon zu einer wunderschönen jungen Frau geworden. So wie die anderen hier im Haus. Meinem Haus. Und wie einst für sie, ist es jetzt auch an dir, das du etwas für dein weiteres sorgenfreies Leben bei mir tust. Es für mich tust.“, er blickte zur Tür, „Der Mann, der da draußen steht, wartet darauf, dass ich ihn zu dir lasse. Er hat sehr gut dafür bezahlt. Und ich erwarte, dass du tust, was er von dir verlangt. Ansonsten wäre ich ziemlich enttäuscht von dir, und das willst du doch nicht, oder?“ Immer noch lächelnd schaute er sie wieder an und wartete auf ihre Antwort. In Umahs Blick lag Fassungslosigkeit, denn jäh war ihr klar geworden, mit wem sie es hier zu tun hatte. Wer Drajak wirklich war. Nicht der vornehme, edle Dieb, so wie sie ihn einst kennen und lieben gelernt hatte. Nein, dass war er nicht, war er nie gewesen, denn heute offenbarte er ihr sein wahres Gesicht, das Gesicht eines Zuhälters. Daher all die Regeln und die vielen Männer, die sie oft hatte hören können, wenn diese im Haus hinter verschlossenen Türen, mit den anderen Frauen verschwanden. Einmal hatte sie Drajak nach diesen Männern ausgefragt, warum diese ständig hierher kamen und was sie wollten und er hatte ihre Frage damit beantwort, dass es um Geschäfte ginge, von denen sie nichts verstand. Aber jetzt verstand sie und ihre einst so glückliche Welt brach auf einen Schlag zusammen. Jedoch nicht ihr Wille, sich gegen all das zu sträuben und sich dem Ganzen zu widersetzen. Sie hatte sich damals nicht gegen ihren Stiefvater wehren können, aber gegen Drajak würde sie es tun und wütend ballte sie ihre Hände zur Faust.
„Du kannst mich nicht dazu zwingen.“, stieß sie aufgebracht hervor und spuckte ihm ins Gesicht.
„Kann ich nicht, meinst du?“, zischte er, wischte ihren Speichel weg und hielt ihr nur eine Sekunde später seinen Dolch an die Kehle. Sie schnappte erschrocken nach Luft und er drohte ihr: „Wenn du nicht spurst, oder auch nur versuchst zu flüchten, dann bringe ich dich um! Und sollte es dir doch gelingen von hier zu fliehen, dann werde ich dich finden und ebenfalls umbringen! Und glaube mir, es gibt niemanden, der dich vermissen wird!“
„Meine Mutter…“, stieß sie hervor.
„Deine Mutter?“, er lachte boshaft auf, „Ach ja? Und wo ist sie? Ich habe sie bisher noch nie hier gesehen. Du etwa?“
„Nein.“, flüsterte Umah und Tränen bahnten sich jetzt ihren Weg ihre Wangen hinab.
„Siehst du.“, wisperte Drajak und lehnte seinen Kopf an den ihren, „niemand wird dich vermissen, so wie ich es dir eben gesagt habe. Aber soweit wollen wir es doch nicht kommen lassen, nicht wahr? Ich bin mir sicher, dass du am Leben bleiben willst. Oder sollte ich mich da etwa in dir täuschen? Komm, mein Schatz, sage mir, dass du leben möchtest und alles tun wirst, was ich von dir verlange. Sag es!“
Für einen kurzen Augenblick herrschte Schweigen zwischen ihnen. Ein Augenblick in dem Umah den kalten Stahl der Klinge an ihrer Kehle spürte, deren Druck eine Antwort fordernd zunahm, und die Angst in ihr, dass sie hier und jetzt ihr Leben verlieren würde, wenn sie sich Drajak weiterhin widersetzte. Eine weitere Träne rann ihre Wange hinab, als sie ihren Widerstand aufgab und flüsterte: „Ich will leben.“
„Und?“
„Ich… ich tue alles...“
„Brav.“, Drajak nahm den Dolch herunter, drückte ihr einen Kuß auf die Stirn, erhob sich und ging zur Tür. Langsam öffnete er sie und sagte dann: „Sie ist soweit.“

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BeitragVerfasst: 22. April 2006, 11:22 
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BeitragVerfasst: 22. April 2006, 12:03 
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also die Geschichte ist wirklich gut.. habe davon sogar heute geträumt! [25]
Also weiterschreiben!


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BeitragVerfasst: 14. Mai 2006, 13:08 
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Schreibfleißige soll man nicht hetzen,ich weiß aber gehts hier auch mal weiter?

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BeitragVerfasst: 14. Mai 2006, 13:14 
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BeitragVerfasst: 14. Mai 2006, 15:50 
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WL, ich hoffe nur Gutes^^

Turelchen, wenn dus weißt, warum machst dus dann [15]
Ich hänge zur Zeit an Randirs Story fest, daher wirds hier noch ein bissel dauern.

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BeitragVerfasst: 14. Mai 2006, 22:02 
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Zitat:
LadyNightVamp schrieb am 14.05.2006 15:50
WL, ich hoffe nur Gutes^^


[15] das weiß ich nicht mehr [25]


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BeitragVerfasst: 15. Mai 2006, 15:15 
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Zitat:
LadyNightVamp schrieb am 14.05.2006 15:50
Turelchen, wenn dus weißt, warum machst dus dann [15]


*düdeldei* [24]

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BeitragVerfasst: 1. Juli 2006, 11:43 
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WOW hat mir auch sehr gut gefallen, Ob Umah gerettet wird, was wird wohl geschehen ? Ob der Fremde vielleicht mitleid mit ihr hat ? Oder ist sie dazu verdammt auf ewig in diesem ,,Freudenhaus " zuverweilen bis dieser Drajak sie tötet ???? Bild

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Beim Anblick des Engels wird ihn der Wahnsinn ergreifen.


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