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 Betreff des Beitrags: Die zerbrochene Welt
BeitragVerfasst: 16. Juni 2013, 22:47 
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Registriert: 3. August 2002, 13:45
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Wohnort: Bad Aibling
Meinen ersten Atemzug tat ich in einer sterbenden Welt, mit niemanden an meiner Seite. Ich war nicht geboren worden, ich war einfach in jenem Moment erschienen, ohne Vater oder Mutter und somit auch ohne Vergangenheit.
Ich war in einer Stadt, umgeben von vielen Bauten die in den Himmel ragten und keiner Menschenseele um mich herum. Dies alles wirkte wie ein Labyrinth. Hoch über mir war eine dunkle, nie endende Wolkendecke. In nicht weiter ferne, über einem schwarzen Turm, tat sich ein feuriger Strudel am Firmament auf, der sich endlos nach oben zu schrauben schien. Die Wolken wurden langsam in ihn hinein gesogen und so schien es, als fräße er alles auf. Als ich diese Szene betrachtete, wusste ich, ich musste dort hin. Vermutlich hätte jeder andere abgewunken sich diesem Dinge auch nur zu nähern, aus Angst dieser Schlund würde auch ihn vertilgen, aber ich wusste tief im innersten: etwas wartete dort auf mich, ich spürte die Verzweiflung dessen, was dort auch immer war.

Die Straßen waren verworren, schienen keinen Schema zu folgen. Mal waren die Wege breit, nur um eine Biegung danach zu einer Gasse zu werden, wo einem selbst die Luft aus der Lunge gepresst wurde. Doch schnell würde es wieder auf einem Platz enden. Kam ich dem Ort meiner Begehr überhaupt näher? Ich schien keinen Schritt weiter voran gekommen zu sein.
Da ich ein Schaufenster erblickte, machte ich sofort halt. Ich hatte mein Spiegelbild bisher nicht gesehen und so sah ich es ungläubig an. Ich hatte lange, blonde Haare und tiefe, Smaragdgrüne Augen. Etwas störte mich aber an diesem Anblick und so berührte ich das Glas, in dem ich mich spiegelte. Es fühlte sich so unglaublich surreal an.
Zum ersten Mal stellte ich mir die Frage, warum ich hier war. Gab es da nicht mehr als nur dieses Verlangen zum Turm zu kommen? Keine Wünsche, Hoffnungen oder Träume, kein anderer Grund für dieses Dasein? Woran bestand mein Sinn hier zu sein? Ich musste doch mehr sein, als einfach nur existierend und Atmend.

Das Gesicht, was mich da ansah, erschien mir mehr und mehr wie eine Verhöhnung. Dieser Spiegel, der mir aufzeigte das etwas mit mir nicht stimmte, ich ertrug seinen Blick nicht mehr. So zerschlug ich es und hob einen Splitter auf. Die Last meiner Fragen schien mir nun wie eine endlose Bürde, als wäre das Gewicht der Welt selbst auf meinen Schultern und drohte mich zu erdrücke. Ich setzte das scharfe Stück Glas an meinen Arm. Würde ich etwas spüren? In diesem intensivem Moment spürte ich noch nicht einmal wie das Blut durch meine Venen gepumpt wurde, da war kein Herz, das raste. Doch plötzlich bebte Erde und ich ließ vor Schreck die Scherbe fallen.
Mein Blick nach oben offenbarte mir, dass der Strudel immer mehr Wolken in sich aufsog. Das einzige, das dem entgegen wirkte, war die scheinbare Endlosigkeit der Wolkendecke. Das Gefühl das es in mir auslöste, war kein gutes. Der drang, zum Turm zu kommen, wurde wieder stärker. Ich musste dort sein, bevor der Himmel aufgefressen sein würde.

Ich rannte so schnell ich konnte. Die röte stieg mir ins Gesicht, während ich keuchend nach vorne stürmte. Wieso brannte mein Körper nicht bei solch einer Anstrengend wie ich es gewohnt war? Ich bog ums Eck, auf eine breite Straße, als ein neues Beben die Erde erfasste. Der Boden gab nach und die Erde sackte ab. Mit einem Sprung zurück brachte ich mich in Sicherheit. Kaum hatte sich der Staub gelegt, sah ich eine Treppe die dort hinab führte, wo die Straße verschwunden war. Wie war sie hier her gekommen?
Vorsichtig setzte ich den ersten Fuß darauf. Nach dem ich sicher gestellte hatte, das sie stabil war, stieg ich hinab. Unwillkürlich kam mir der Gedanke, es glich einem Abstieg in die Hölle, denn vor mir war nicht mehr als Dunkelheit.

Unten angekommen bemerkte ich sofort die Unruhe an diesem Ort im Vergleich zu der Stadt über mir. Noch immer bewegte sich das Geröll vom tiefen Fall und ich ging weiter, einen unbekannten Weg. Die Dunkelheit hatte hier alles fest im Griff und Kälte ergriff von mir Besitz. Ein sanfter Wind, mit den Stimmen längst vergangener Tagen auf seinen Schwingen, umspielte mich. Keine Angst keimte in mir auf, eher Trauer. Dinge waren hier her verbannt worden, die es vielleicht nicht verdient hatten. Wie lange ich wanderte konnte ich nicht sagen. Am Ende meines Pfades stand da eine Felswand und ich wusste: ich war meinem Ziel sehr nahe.

Erklommen, tat sich vor mir ein gewaltiger Platz auf, in dessen Mitte sich der Turm dem Himmel entgegen stemmte. Als mein Blick der Außenwand bis zum Zenith hinauf folgte, entdeckte ich den Schlund bedrohlicher aus je zuvor. Doch ich würde nicht zurück schrecken. Gab es eine Zukunft für mich, hier würde ich so finden.

Das Tor schwang gewaltig nach innen auf als ich mit all der Kraft, die ich aufbieten konnte, dagegen drückte. In der Mitte des kleinen Raumes stand eine Truhe. Die Ketten, die sie versiegelt hatte, hingen daran hinab. Ein Schlüssel lag am Boden. Wieso hatte ich nur Instinktiv das Gefühl, das hatte etwas mit mir zu tun? Es gab nur einen Weg, es heraus zu finden. Ich bestieg die Wendeltreppe zu meiner linken, die mich immer weiter hinauf führte. In die Fenster des Turmes waren verschiedene Bilder gezeichnet, mal schöne und welche, die das Herz erwärmen würden, mal grausame und furchtbare. Am Ende hielt ich kurz inne. Würde ich jetzt die Tür öffnen, gäbe es kein Zurück. Ich konnte immer noch umdrehen. Würde ich vielleicht einen Weg finden, dieser Welt zu entkommen? Oder konnte ich mich gar nicht diesem Drang widersetzen, den Turm aufzusuchen? Würde ich vielleicht immer wieder hier enden, egal welch Ziel ich mir selbst auferlegen würde? Waren die Antworten, die mir die andere Seite vielleicht geben könnte, dies alles wert...? Ja.

So trat ich ein und befand mich auf dem Dach, direkt unter dem feurigen Wirbel. Jetzt, zum ersten Mal, empfand ich Angst. Ich konnte das Ende der Wolkendecke sehen, bald wäre der Himmel aufgefressen. Auf der anderen Seite, am Rand, stand ein Mann mit dem Rücken zu mir.

„Diese Welt zerbricht“ entfuhr es mir unweigerlich.
„Diese Welt stirbt“ sagte der Mann und wandte sich mir zu „Du bist endlich gekommen. Ich verlor schon fast alle Hoffnung!“ sprach er weiter.
„Ja, aber ich weiß nicht warum ich hier bin.“ entgegnete ich ihn. Etwas vertrautes lag in seiner Stimme, doch konnte ich nicht sagen, ihn je gesehen zu haben.
„Du bist hier, weil ich dich gerufen habe. Geboren durch einen Wunsch, als ich diese vermaledeite Truhe öffnete. Erst danach begriff ich, das manche Dinge besser vergraben bleiben sollten, dort wo wir sie versteckten!“ sagte er ruhig und kam näher.
„Aber warum würdest du so etwas tun?“ fragte ich naiv.
„Ich habe Angst und so wollte nicht sterben, allein, ungeliebt. Hier ist niemand, alle haben mich schon vor langer Zeit verlassen. Wenn all dies hier endet, so wollte ich dich sehen. Dies war mein Herzenswunsch, doch bereute ich ihn schnell wieder, aber dann war es zu spät.“ antwortete er leise und erst jetzt bemerkte ich das Leid und den Schmerz, der in jedem Wort mitschwang.
„Diese Welt, was ist sie?“ fragte ich
„Es ist wie ein Fußabdruck, den jemand in der Unendlichkeit Zeit hinterlässt. Eine Erinnerung, ein Teil der Seele, etwas verliert sich im Äther, eingesperrt zwischen dem Irgendwo und Nirgendwo. Ich weiß es selbst nicht. Aber es ist nie von Dauer, schnell zerbricht es wieder.“ antwortete er.
„Und was bin dann ich?“ fragte ich gequält, die Antwort schon erahnend.
„Ein Schatten aus der Vergangenheit, eine Stimme die mich begleitet. Du bist etwas verlorenes, das ich im Anblick meiner Vergänglichkeit sehen wollte.“ sagte er.


Tränen stiegen mir in die Augen. Hatte ich es nicht schon gewusst? Da war kein Herz in meiner Brust, das schlug, kein Blut, das durch die Adern gepumpt wurde. Ein Schatten, eine Illusion um seinen Wunsch nach Frieden mit sich selbst nachzukommen.
„Ich bin nicht einmal am Leben“ stammelte ich hervor „Ich bin ein Echo, eine vergrabene Erinnerung, was könnte ich mehr für dich sein? Wieso hast du mich erschaffen? Willst du mich quälen und in den Wahnsinn treiben? Du bist ein selbstsüchtiges Monster, wurde ich nur zu deinem Vergnügen und Deiner Sehnsucht wegen geschaffen!“ meine Stimme war mit diesen Worten kräftiger geworden, so das ich ihm die letzten Worte hart entgegen schleuderte.

Vor mir zum stehen gekommen, zog er mich an sich heran und umarmte mich so fest er konnte. Da hörte ich ihn weinen und mit jeder Träne, die sein Gesicht hinab lief, drückte er mich fester an sich heran, als drohte ich ihm jede Sekunde zu entschwinden. Da war kein Herzschlag in seiner Brust, kein Gefühl etwas lebendes hielte mich in den Armen.
Der Himmel brannte, kein Stein blieb unberührt. Ein heftiger Wind umspielte uns, als die Welt in den Schlund gesogen wurde. Inmitten all diesen Chaos hielt er mich fest an sich gedrückt. Ich erwiderte die Umarmung. Selbst wenn nun alles Enden würde, dort draußen gab es Menschen, denen wir nachempfunden waren, jene, die diese Gefühle ihr eigen nannten. Es war befremdlich. Eigentlich kannte ich ihn nicht, doch war er mir so vertraut. Die letzte Sekunde der Existenz sah ich ihm in seine Augen. „Ich liebe dich“ sagte ich ihm. Und mit diesen Worten zerbrach die Welt und wir mit ihr.

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