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 Betreff des Beitrags: Der Wald
BeitragVerfasst: 28. September 2011, 22:07 
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Registriert: 3. August 2002, 13:45
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Wohnort: Bad Aibling
»Midway upon the journey of our life,
I found myself within a forest dark,
For the straight foreward pathway had been lost«

- Dantes Inferno


Ich lag auf dem kalten, mit Schnee bedeckten Boden als meine Augen sich langsam öffneten. Ob es mein zitternder Körper gewesen war der mich geweckt hatte, oder ob meine Zeit einfach gekommen war, vermochte ich in diesem Moment nicht zu sagen. Vorsichtig wandte ich meinen Blick zur Seite. Ich war in einem Wald. Um mich herum standen Bäume, dicht an dicht aneinander gedrängt, und schienen mir sogar die Luft zum atmen zu rauben. Als ein kalter scharfer Wind meinen Körper umspielte, durchfuhr mich ein kaltes Schaudern. Ich musste wissen wo ich war und so setzte ich mich unter Schmerzen auf. Als mein Blick nach oben schweifte sah ich ein dichtes Blätterdach. Hier würde jedweder Lichtstrahl von der Dunkelheit verschlungen werden. Diese Ruhe um mich herum, sie machte mir Angst. Irgendetwas bedrohliches war in diesem Wald und eine böse Macht schien nach mir greifen zu wollen.

Kümmerlich kam ich auf die Beine – immer wieder waren meine Beine eingeknickt oder ich sackte Schwach in mich zusammen. Aber die Furcht vor den Dingen die hier auf mich warten würden, bliebe ich an diesem Ort, ließ es mich immer wieder und wieder versuchen.
Meine Kleidung bestand nur aus Lumpen, voller Löcher und übersät von Flecken. Ich würde mit diesen Fetzen nicht lange überleben. Mit schlürfenden Gang und der rechten Hand an meiner linken Schulter ging ich vorwärts. Einem Pfad zu suchen wäre töricht gewesen. Selbst wenn jemand hier lange genug gewandert wäre, so würde alles durch die Enge zunichte gemacht worden.

Wie vielen Meilen ich hinter mich brachte vermochte ich nicht zu sagen. Doch plötzlich sah ich einen Silhouette in der Ferne. Meine Schritte wurden schneller. Ich ignorierte den Schmerz als die Zweige und Äste der Bäume mir in das Gesicht schlugen. Waren vielleicht auch andere hier? Der Wald schien mich daran hindern zu wollen mein Ziel zu erreichen, immer dichter und enger wurde es. Die letzten Meter war es, als würde mir die Luft aus meinen Lungen gesogen werden. Als drohte ich zu ersticken. Und dann plötzlich brach durch und war auf einer Lichtung.

Vor mir stand ein Herr von Menschen, alle zu ewigen Eis erstarrt wie Skulpturen. Ihre Gesichter waren ein Abbild des Leidens und Schmerzes. Vor mir sah ich eine Frau. Aus ihren zusammengekniffenen Augen sah ich erfrorene Tränen die Wage hinab laufen. Der Mund war weit aufgerissen, wie als schrie sie vor unendlicher Pein. Ihre Hände griffen Verkrampft nach ihrer Kleidung, als wolle sie in der Agonie sich die Kleider mit voller Kraft vom Leib reißen. Und als ich weiter ging sah ich einen Mann wie er auf dem Boden kniete. Seine Arme hingen leblos hinab, sein leerer Blick war zu Boden gerichtet. Hier waren sie zu tausenden, Frauen, Kinder und Männer. Ein Wald der lebenden Figuren. Dies war ein Schatten meines Schicksals, ein Ausblick auf mein Schicksal in diesem dunklen Reich.
Beim Anblick ergriff die Kälte sofort mein Herz und auch wenn ich meine Arme am Körper rieb, so wurde jeder Funke der Wärme sofort zunichte gemacht. Meine Hoffnung verging mit ihr.

Ich wandte mich um und ging zurück in den Wald hinein. Egal welch Übel dort auf mich lauerte, es vermochte nicht schlimmer zu sein als meine Zukunft dort. Und dann näherte ich mich dem Rand. Der Himmel war schwarz, weder Mond noch Sterne schmückten das Firmament. Als wäre ein dunkles Tuch darüber gespannt um alles zu verschlingen.
Vor mir türmte sich ein gewaltiger Berg auf, durchzogen von leuchtend roten Adern aus Feuer. Ein einzelner, scharfer Zahn aus dem Gebiss eines mächtigen Monsters. Seine Präsenz ließ mir mehr das Blut in den Adern gefrieren als die Kälte es je vermocht hätte.
So sank ich auf meine Knie und meine Hoffnung verendete. Ich spürte, wie das Eis meinen Körper ermattete und Verzweiflung mein Herz nährte. Nie würde ich diesen Berg erklimmen können, nie würde ich auf seinem Zenith sein. Und ich begann zu weinen und jede Träne brannte wie Feuer auf meiner Wange und gefror sofort. Schläfrigkeit erfüllte mich. Nun würde auch ich ein ewiges Abbild werden.

Doch dann erhellte ein Licht mein Gesicht. Und es war für einen kurzen Moment als wären all meine Sinne getrübt. Ich erblickte einen Engel, umgeben von solch einer Rein- und Klarheit und mir war bewusst, dass womöglich jede Erinnerung eine Beleidigung wäre. Denn nie könnten Worte oder Gedanken ihre Schönheit wiedergeben. Und mit gebrochener Stimme, die nicht meine Verzweiflung zu überdeckten vermochte, fragte ich „Was tue ich hier? Was habe ich getan? Wieso widerfährt mir all dies Leid, das solch eine Last auf meinen Schultern ist?“ Und mit einer sanften Stimme antwortete sie mir „Ich bin gekommen, dich zu führen. Egal welch dunkles Tal du durchwandern musst oder welche Prüfungen du zu erdulden hast, ich werde nicht von deiner Seite weichen. So nehme meine Hand und du wirst kein Leid mehr erfahren müssen, denn ich werde alles von dir nehmen.“ Und so nahm ich ihre Hand und fürchtete die Hölle nicht mehr.

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